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Schulfundraising – Interview mit Wolfgang Mayer, Referent für Öffentlichkeitsarbeit und Fundraising am Jesuiten-Kolleg St. Blasien – Bedeutung, Organisation, Erfolgsfaktoren

Das Fundraising an Schulen bietet angesichts der fast 50.000 Schulen in Deutschland enormes Potenzial. Wie man in diesem Bereich sehr erfolgreich agieren kann, zeigt das Jesuiten-Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Ich habe daher mit Wolfgang Mayer, Referent für Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit an dem Kolleg, gesprochen. In dem Interview geht es zum einen um einen Einblick in Herrn Mayers Tätigkeit als Fundraiser; zum anderen geht es um Bedeutung, Organisation, Erfolgsfaktoren und Trends im Schulfundraising.

Foto-Wolfgang-Mayer

Hampe: Lieber Herr Mayer, das Jesuiten-Kolleg St. Blasien ist eines der bekanntesten Gymnasien und Internate in Deutschland. Bitte geben Sie uns einen kurzen Einblick in das Lernen und Leben im Kolleg.

Mayer: Das Leitbild des Kollegs lautet „Zur Verantwortung erziehen“ und wird in vier Kriterien entfaltet:

  • Am Kolleg soll jeder Einzelne seine Würde als Geschöpf erfahren.
  • In gewissenhafter Reflexion wird nachgedacht über die Bedeutung des Gelernten.
  • Kollegianer setzen sich ein für Gerechtigkeit im unmittelbaren Umfeld und in der Welt.
  • Die Frage nach Gott wird gestellt und im Alltag wach gehalten.

Das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald ist ein international ausgerichtetes Jesuitengymnasium mit Internat für Jungen und für Mädchen. Es wurde vor 80 Jahren vom Jesuitenorden gegründet und wird seither von Patres der „Gesellschaft Jesu“ geleitet. Das katholisch geprägte Jesuitenkolleg ist ein privates, staatlich anerkanntes Gymnasium und nimmt Schüler aller Glaubensrichtungen von der 5. Klasse bis zum Abitur auf. Die Internatsschule versteht sich als Ort, in dem auf hervorragende Bildung und ganzheitliche Erziehung zur Verantwortung für die Kirche und für das gesellschaftliche Gemeinwohl Wert gelegt wird. Schülerinnen und Schüler aus über 25 Nationen lernen und leben am Kolleg und prägen den internationalen Charakter. Darüber hinaus wird Chinesisch seit 2006 – von 1996 an AG – als dritte reguläre Fremdsprache angeboten, verbunden mit einem dreimonatigen Sprachaufenthalt an den beiden Partnerschulen in Shanghai und Jiangyin. Das Kolleg unterhält zahlreiche Partnerschaften mit (Jesuiten-) Schulen im Ausland und ermöglicht einen regelmäßigen Schüleraustausch (z.B. mit England, Irland, Litauen). Die musische Erziehung im neuen Musikhaus, die Theaterpädagogik auf mehreren Bühnen, der Sport im eigenen Sportverein auf neuen Sportanlagen und die große Vielfalt von rund 50 Arbeitsgemeinschaften haben einen herausragenden Stellenwert am Kolleg. Sie bieten ideale Bedingungen, um Schüler in ihrer ganzen Persönlichkeit umfassend zu fördern.

Hampe: Wie finanzieren Sie dieses breite Angebot?

Foto-Kolleg-St-Blasien

Mayer: In Baden-Württemberg beträgt am Gymnasium der Kostendeckungsgrad gegenwärtig nur etwa 76 Prozent, geplant ist eine Erhöhung auf 80 Prozent. Hierbei handelt es sich um die staatlichen Ersatzzahlungen pro Privatschüler im Vergleich zu einem Schüler an einer staatlichen Schule (Bruttokostenmodell). Der Prozentsatz liegt faktisch noch niedriger, wenn man weitere Kosten (z.B. Aufwendung für das Schulgebäude) abzieht. Die staatlichen Förderungen von Privatschulen variieren je nach Bundesland und liegen durchschnittlich bei nur 50 bis 60 Prozent der Kosten eines privaten Schulplatzes. Diese erhebliche Unterfinanzierung benachteiligt die freien Schulen und zwingt sie, neben den Elternbeiträgen (Schulgeld) und den Eigenmitteln zusätzlich Spendenmittel von Schulfördervereinen, Alumni-Netzwerken und Stiftungen einzuwerben.

Hampe: Welche Rolle spielen Spenden und Sponsoring bei der Finanzierung?

Mayer: Gegenwärtig bewegen sich in Deutschland die jährlichen Drittmitteleinnahmen durch Spenden und Sponsoring in der schulischen Finanzierung noch im einstelligen bzw. sehr niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Allerdings ist durchaus etwa ein Drittelanteil bei der Gesamtfinanzierung von besonderen Großprojekten für strategische relevante Vorhaben und Modernisierungen mit zusätzlich eingeworben Drittmitteln möglich. Mit Hilfe von gut funktionierenden Netzwerken und Vereinigungen mit Förderern, Freunden und Partnern können erfolgreich private Mittel für bedeutsame Projekte eingeworben werden, um gute Schulen zu hervorragenden Institutionen weiterzuentwickeln. Darüber hinaus können attraktive Zusatzangebote und Extraprojekte unterstützt werden, die das besondere Profil der Schule stärken und stützen.

Hampe: Und konkret auf Ihre Schule bezogen? Sie sprachen gerade den vergleichsweise geringen Anteil staatlicher Mittel am Gesamtbudget von 50 bis 60 % an.

Mayer: Die Einnahmen durch Privatspenden betragen gegenwärtig etwa 4 % der Gesamteinnahmen im Haushalt des Jesuitengymnasiums; darüber hinaus helfen zusätzlich die projektbezogenen Fördermittel aus unserem Schulförderverein und der eigenen Förderstiftung. Sponsoring spielt vor allem bei konkreten Projekten eine Rolle, wenn es zum Beispiel um die Beschaffung technischer Geräte geht.

Hampe: Also viel zu tun für Sie als Fundraiser an dem Kolleg. Wie sind Sie im Bereich des Fundraising aufgestellt und wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Mayer: Am Kolleg St. Blasien gibt es drei etablierte Förderinstrumente und Fundraisingsäulen: den Solidarfonds, den Förderverein sowie die Stiftung.

Der Solidarfonds ermöglicht ein umfangreiches Stipendienprogramm, um Ermäßigungen für finanzschwache und gute Schülerinnen und Schüler am Kolleg zu gewähren. Von allen aktuellen Schülereltern des Kollegs wird eine monatliche Spende erbeten, die direkt in den Solidarfonds einfließt und auch nur für diesen Zweck ausgegeben wird. Es ist erklärtes Satzungsziel, stets einem bedeutsamen Anteil von Schülerinnen und Schülern den Besuch am Kolleg zu ermöglichen, wenn deren Familie dies aus eigenen Mitteln nicht leisten kann.

Der Förderverein am Kolleg St. Blasien, den ich vor allem bei der Mitgliedergewinnung und -bindung unterstütze, fördert die pädagogische Arbeit des Kollegs durch ehrenamtliches Engagement, durch Teilhabe an der Gestaltung des Kollegs und durch Mitgliedsbeiträge und Spenden, die hier und jetzt das Besondere ermöglichen. Satzungszweck des Fördervereins ist es, das Kolleg St. Blasien bei seiner Erziehungs- und Bildungsarbeit ideell und materiell zu unterstützen.

Über die Förderung besonderer Projekte hinaus muss das materielle Fundament des Kollegs heute und vor allem mit Blick auf morgen und die Zukunft abgesichert werden. Daher wurde vor vielen Jahren die Stiftung Kolleg St. Blasien gegründet, um die Zukunft des Kollegs abzusichern.

Fundraising ist Öffentlichkeitsarbeit, daher bin ich darüber hinaus auch für den Bereich Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Sie spielt eine große Rolle in meinem Arbeitsfeld, um bekannte und potenzielle Förder- und Kooperationspartner auf verschiedenen Kanälen über das breit aufgestellte Angebot und das besondere Kollegsprofil zu informieren.

Hampe: Konzentrieren Sie sich bei der Suche und Ansprache möglicher Förderer eher auf bekannte Förderer, z.B. aus dem Kreis der Alumni, oder auf die Gewinnung neuer Förderer?

Mayer: Erfolgversprechender ist es natürlich, von innen nach außen vorzugehen: Eine bestehende Beziehung und eine hohe Verbundenheit sind zentrale Erfolgsfaktoren und Kriterien für die Ansprache potenzieller Förderer, beispielsweise Altschüler.

Hampe: Wie sprechen Sie potenzielle Förderer an? Verwenden Sie z.B. Sponsorenmappen mit einer strukturieren Darstellung von Leistung und Gegenleistung oder ist Ihre Ansprache eher offen?

Mayer: Die persönliche Ansprache mit einem öffentlichkeitswirksamen Exposé des Vorhabens ist meist die erfolgversprechendste Methode. Darüber hinaus gibt es auch einzelne Spendenaufrufe für strategisch relevante Zukunftsprojekte in unseren Publikationen, z.B. in Jahrbüchern und Rundschreiben an Altkollegianer, Förderer und Freunde des Kollegs.

Hampe: Lehnen Sie bestimmte potenzielle Förderer generell ab? Wie stellen Sie sicher, dass die Partnerschaft den im Schulgesetz verankerten Erziehungs- und Bildungsauftrag nicht beeinträchtigt?

Mayer: Spenden- und Sponsorenmittel aus bestimmten Branchen und Quellen, z.B. von privaten Glücksspielfirmen, Tabak- oder Spirituosenfirmen, nehmen wir nicht an, da dies mit unserem Auftrag für schutzbedürftige Kinder und Jugendliche nicht vereinbar wäre. Die Angebote müssen genau geprüft werden, welche Akteure oder Interessensgruppen dahinter stecken. So kann man mögliche Interessenskonflikte und Kollisionen mit dem pädagogischen Auftrag aufdecken und abwägen, damit keine unerwünschten Nebenwirkungen entstehen. Auch wenn das bedeutet, bei attraktiven Angeboten auch einmal Nein zu sagen. Schlussendlich darf bei Partnerschaften die inhaltliche Entscheidung und pädagogische Verantwortung nicht aus der Hand des Schulleiters an Dritte gegeben werden, beispielsweise inhaltliche Einflussnahmen von IT-Unternehmen in digitale Klassenzimmer oder curriculare Bildungsfragen.

Hampe: Was ist nach Ihrer Erfahrung beim Schulfundraising besonders wichtig? Was macht erfolgreiches (Schul-)Fundraising aus?

Mayer: Hierzu sind mehrere Aspekte zu nennen: Grundsätzlich unterstützen Förderer Schulen, die Probleme erfolgreich lösen, und nicht diejenigen, die strukturelle Haushaltsprobleme haben! Erstens: Fundraising ist Gemeinschaftsaufgabe und Schnittstellenmanagement, daher benötigt es schulintern eine breite Akzeptanz. Zweitens ist Fundraising Chefsache – idealerweise ist dies der Schulleiter. Und drittens kommt "Friendraising" vor Fundraising, d.h. der Aufbau von tragfähigen Beziehungsnetzwerken zu den Fördererzielgruppen in der Region und überregional von großer Bedeutung.

Hampe: Apropos "Friend" – Wie stehen Sie zu den teilweise geäußerten Bedenken, an Privatschulen könne man mit Spenden Versetzungen oder Noten positiv beeinflussen?

Mayer: Dieses hartnäckige Klischee ist aus meiner Sicht ein großes Märchen. Für freie Schulen in privater Trägerschaft gelten dieselben Regeln und Prüfungsvorschriften wie für staatliche Schulen. Hier gibt es keinen Spielraum. Wir sind bei diesem Thema auch sehr vorsichtig, um den Anschein einer möglichen Käuflichkeit gar nicht erst entstehen zu lassen. So sind wir z.B. in der aktiven Spenden-Ansprache der Eltern von aktuellen Schülern sehr zurückhaltend.

Hampe: Wie sehen Sie die Zukunft des Schulfundraising? Was wird sich verändern?

Mayer: Fundraising für Schulbildung ist noch ein relativ junges Phänomen in Deutschland und wird immer mehr an Bedeutung gewinnen, da die staatlichen Mittel nicht steigen werden. Bei den privaten Schulen und deren Fördervereinen wird es schon länger erfolgreich als Pionierarbeit betrieben als bei den staatlichen Schulen und deren Fördervereinen.

Fundraising kann die erwähnte fehlende Grundfinanzierung bei privaten Schulen nicht ausbalancieren und langfristig die Strukturprobleme aufgrund von Unterfinanzierung zwar nicht lösen, ermöglicht aber mit zusätzlicher privater Ko-Finanzierung hauptsächlich laufende Zusatzangebote, Extraprojekte und strategisch relevante Vorhaben, für die es Begeisterung und Unterstützung bei den potenziellen Förderern gibt.

Hampe: Vielen Dank für das Interview!

Mayer: Gerne.

03.06.2014


Zur Person: Wolfgang Mayer ist Fundraising-Manager (FA), systemischer Berater, Diplom-Sozialarbeiter (FH) und ausgebildeter Bankkaufmann. Er absolvierte eine theologische Zusatzausbildung und arbeitet seit 2006 als Referent für Fundraising und Öffentlichkeitsarbeit am Jesuiten-Kolleg St. Blasien im Schwarzwald; davor mehrjährige Tätigkeit in der Jugendbildungsarbeit. Der gebürtige Rottweiler beschäftigt sich seit Mitte der 1990er-Jahre mit Fundraising- und Sponsoring-Themen. Diverse Veröffentlichungen im Bereich Fundraising und Sponsoring - Neuerscheinung: Fundraising für Schulen (Beltz 2013). Weitere Informationen unter: www.wolfgang-mayer.de
 
Weitere Informationen zum Kolleg St. Blasien finden sie hier; Informationen für Förderer finden Sie hier.

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